{"id":18716,"date":"2019-04-12T10:06:16","date_gmt":"2019-04-12T08:06:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gruene-heidelberg.de\/?p=18716"},"modified":"2019-04-12T10:06:16","modified_gmt":"2019-04-12T08:06:16","slug":"prof-dr-armin-nassehi-komplexitaet-und-wie-politik-darauf-reagieren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/2019\/04\/12\/prof-dr-armin-nassehi-komplexitaet-und-wie-politik-darauf-reagieren-kann\/","title":{"rendered":"Prof. Dr. Armin Nassehi: Komplexit\u00e4t \u2013 und wie Politik darauf reagieren kann"},"content":{"rendered":"<p>Am 11. April war der M\u00fcnchner Soziologe und \u201eKursbuch\u201c-Herausgeber Armin Nassehi bei einer Veranstaltung der Heidelberger Gr\u00fcnen zu Gast. Im Gespr\u00e4ch mit der Landtagsabgeordneten und Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ging es um die Frage, wie Politik in einer digital und international vernetzten Welt, in der Zusammenh\u00e4nge immer komplexer werden, dennoch handlungsf\u00e4hig bleiben und L\u00f6sungen f\u00fcr gesellschaftliche Probleme liefern kann. Denn Nassehis Grundthese, die er in dem 2017 in der zweiten Auflage erschienenen Buch \u201e Die letzte Stunde der Wahrheit\u201c ausf\u00fchrlich entwickelt, lautet: egal, ob es sich um linke oder konservative Beschreibungen der Welt handelt \u2013 politische Botschaften und auch daraus resultierende Steuerungsversuche werden der Komplexit\u00e4t der Gesellschaft nie wirklich gerecht. F\u00fcr kein Problem, das gel\u00f6st werden muss, ist die L\u00f6sung so einfach, wie die politische Debatte \u2013 erst recht in Wahlkampfzeiten \u2013 dies suggeriert. Jede gesellschaftliche Stellschraube, an der gedreht wird, bringt nicht nur die gew\u00fcnschten Effekte mit sich, sondern ver\u00e4ndert auch Rahmenbedingungen an vielen anderen Stellen. Diese mitzudenken ist schon eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die handelnden Politiker \u2013 sie auch in der politischen Kommunikation angemessen zu w\u00fcrdigen, nahezu ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Denn, auch das konstatiert Nassehi, selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt zum Kerngesch\u00e4ft der Politik nicht nur, Entscheidungen zu treffen, sondern diese auch in verst\u00e4ndliche Botschaften zu \u00fcbersetzen. \u201eDieser Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, L\u00f6sungen zu finden, die der Komplexit\u00e4t des Problems gerecht werden und diese zugleich m\u00f6glichst einfach vermitteln zu m\u00fcssen, ist das zentrale Problem des Politischen\u201c, so Nassehi.<\/p>\n<p>Wie also kann Politik auch in einer komplexen, dynamischen Zeit, in der die Herausforderungen f\u00fcr politische Entscheider \u2013 von Klimawandel \u00fcber weltweite Migrationsbewegungen bis zur Krise Europas &#8211; kaum gr\u00f6\u00dfer sein k\u00f6nnten, dennoch weiter handlungsf\u00e4hig bleiben? Dar\u00fcber diskutierten Theresia Bauer und Armin Nassehi im Anschluss an dessen Vortrag. Dabei arbeiteten sie heraus, dass eine wichtige Aufgabe f\u00fcr die Politik ist, \u00dcbersetzungen zwischen verschiedenen Perspektiven auf gesellschaftliche Probleme zu schaffen. Denn in diesen unterschiedlichen Perspektiven liegt f\u00fcr den Systemtheoretiker Nassehi eine wichtige Quelle f\u00fcr Komplexit\u00e4t. Am Beispiel Klimawandel machte er das deutlich: das Spektrum der Perspektiven reiche hier von der Wahrnehmung als einer apokalyptischen Bedrohung bis zur Position, es handle sich um ein Hirngespinst verr\u00fcckter Gro\u00dfst\u00e4dter. Dass wissenschaftlich eindeutig gekl\u00e4rt ist, dass wir es mit einer relevanten und menschengemachten Bedrohung zu tun haben, \u00e4ndert dann nichts daran, dass es Aufgabe der Politik ist, eine L\u00f6sung finden, die aus Sicht beider Perspektiven zumindest legitim ist.<\/p>\n<p>Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, so waren sich Armin Nassehi und Theresia Bauer einig, ist es hilfreich, wenn es Orte gibt, an denen sich widersprechenden Perspektiven aufeinandertreffen und in einen fruchtbaren Austausch treten k\u00f6nnen. Nassehi, der unter anderem zur Palliativmedizin geforscht hat, nannte Ethikr\u00e4te als ein Beispiel f\u00fcr solche Orte. Dort kommen eben nicht nur Philosophen, sondern auch Naturwissenschaftler, Ingenieure, Mediziner, Juristen und Sozialwissenschaftler zusammen, um ethische Fragen zu diskutieren und dabei ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Perspektive der jeweils anderen zu entwickeln. Anhand eines aktuellen Heidelberger Beispiels, des Beteiligungsprozesses zum Masterplan f\u00fcr das Neuenheimer Feld benannte Nassehi Erfolgsbedingungen f\u00fcr das Gelingen solcher Dialogprozesse: \u201eAufgabe von Politik ist das Erm\u00f6glichen von Handlungsspielr\u00e4umen. Dazu braucht es Freiheit, Risikobereitschaft und Diversit\u00e4t. Das Wichtigste ist aber: die Prozesse m\u00fcssen so gestaltet sein, dass Menschen in deren Verlauf ihre Perspektive \u00e4ndern!\u201c<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit politischen Handelns unter Komplexit\u00e4t k\u00f6nnte laut Nassehi das Etablieren von Strukturen sein, in denen, als Erg\u00e4nzung zum Parlament als demographischer Repr\u00e4sentation der Bev\u00f6lkerung, gesellschaftliche Funktionen repr\u00e4sentiert werden. Dies, so Nassehi, helfe zumindest zu erkennen: \u201eEs gibt keine L\u00f6sung aus einem Guss \u2013 Ziel ist daher auch nicht Konsens, sondern legitime Entscheidungen, auch unter Zeitdruck.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKlar ist, dass es auf die Frage nach dem Umgang mit Komplexit\u00e4t keine einfache Antwort geben kann\u201c, so Theresia Bauer abschlie\u00dfend. \u201eAber klar ist auch, dass Politik sich ver\u00e4ndern muss, dass es neuer Zug\u00e4nge und Formate bedarf, wenn sie ihrer Kernaufgabe, legitime Entscheidungen f\u00fcr alle zu treffen, auch unter komplexen Bedingungen gerecht werden will. Ans\u00e4tze daf\u00fcr gibt es bereits und ich nehme insbesondere den Auftrag mit, den fruchtbaren politischen Austausch zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die Gesellschaft zu bef\u00f6rdern, wo immer es geht.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. 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