{"id":19973,"date":"2020-01-07T11:56:51","date_gmt":"2020-01-07T10:56:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gruene-heidelberg.de\/?p=19973"},"modified":"2020-01-07T11:56:51","modified_gmt":"2020-01-07T10:56:51","slug":"passivhaussiedlung-bahnstadt-eine-nicht-ganz-vollkommene-erfolgsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/2020\/01\/07\/passivhaussiedlung-bahnstadt-eine-nicht-ganz-vollkommene-erfolgsgeschichte\/","title":{"rendered":"Passivhaussiedlung Bahnstadt: Eine nicht ganz vollkommene Erfolgsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Heidelberg r\u00fchmt sich, der Standort einer der gr\u00f6\u00dften Passivhaussiedlungen der Welt zu sein. Dieses Bild offenbart bei genauerem Hinsehen jedoch einige Flecken auf der sch\u00f6nen Fassade.<\/p>\n<p><em>Ein Gastbeitrag von Dr. Monika Gonser<\/em><\/p>\n<p>In der Tat ist die Bahnstadt ein beeindruckendes und zukunftsweisendes Projekt: Wo bis 2009 noch die Reste des alten G\u00fcterbahnhofsgel\u00e4ndes zu besichtigen waren, leben inzwischen auf knapp<br \/>\n\u00fcber 100 Hektar etwa 5.000 Menschen in 2.521 Wohnungen mit einer Wohnfl\u00e4che von zirka 165.000 Quadratmetern.<\/p>\n<p>Alle Geb\u00e4ude des Stadtteils inklusive B\u00fcro-, Gewerbe- und Laborimmobilien \u2013 selbst das Multiplexkino im Stadtteil \u2013 sind im Passivhausstandard gebaut und werden aus einem eigens daf\u00fcr gebauten Holz-Heizkraftwerk mit Energie versorgt. Aufgrund dieses Kraftwerks und der Halbierung der CO2-Emissionen durch den Passivhausstandard ist die Bahnstadt rechnerisch sogar ein Null-Emissions-Stadtteil.<\/p>\n<p><strong>Gute Konzepte<\/strong><\/p>\n<p>Um dieses Ziel zu erreichen, wurde von Anfang an eine nachhaltige Energieversorgung mitgedacht. W\u00e4hrend des Planungszeitraums Mitte der 2000er Jahre war der Passivhausstandard noch anspruchsvoll. Auch damals wurden schon durchg\u00e4ngig eine Energieberatung f\u00fcr Bauherren und Bautr\u00e4ger angeboten und F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten der \u00f6ffentlichen Hand aufgezeigt sowie auch von<br \/>\nder Stadt selbst geschaffen. Zudem ist der gesamte Stadtteil mit sogenannten Smart Metern ausgestattet, die den EnergiekonsumentInnen mehr Kontrolle \u00fcber den Verbrauch erlauben und den Weg zu einer effizienten Versorgung zeigen.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigt werden auch der Schutz bestimmter Arten und \u00f6kologisch wertvoller Fl\u00e4chen sowie eine nat\u00fcrliche Bodenfunktionen \u2013 etwa die Aufnahme und Abgabe von Regenwasser. Die zentrale Lage des Stadtteils am Heidelberger Hauptbahnhof sorgt f\u00fcr eine gute Anbindung an andere St\u00e4dte der Region.<\/p>\n<p><strong>\u2026 f\u00fcr eine sch\u00f6ne Werbewelt<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesen Fakten wirbt die Stadt Heidelberg auch in einer Informationsbrosch\u00fcre f\u00fcr die Bahnstadt. Nicht nur die neuen BewohnerInnen und NutzerInnen des Stadtteils soll seine Nachhaltigkeit ansprechen, auch der Oberb\u00fcrgermeister Eckart W\u00fcrzner selbst wird nicht m\u00fcde, national und international \u201esein\u201c modernstes Quartier vorzustellen. Die Bahnstadt ist das Modellprojekt, f\u00fcr das Heidelberg bereits verschiedene Nachhaltigkeitspreise bekommen hat und das anderen St\u00e4dten als wichtiger Zukunftspfad vermittelt wird. Wir von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen Heidelberg sehen den Erfolg der Bahnstadt in Sachen Nachhaltigkeit und wissen ihn zu sch\u00e4tzen. Trotzdem hat dieses Modellprojekt auch Schattenseiten und Unvollkommenheiten, die bei der Diskussion der Bahnstadt als eine Good Practice nicht unerw\u00e4hnt bleiben sollen.<\/p>\n<p><strong>Doch kein Stadtteil der kurzen Wege<\/strong><\/p>\n<p>Heidelberg hat sich f\u00fcr neu zu planende Quartiere und Stadtteile dem Konzept der \u201eStadt der kurzen Wege\u201c verschrieben. Dazu geh\u00f6rt die Mischung von Wohnen und gewerblicher Nutzung. In der Bahnstadt ist dieses Konzept nur bedingt zum Tragen gekommen. Arbeitgeberbefragungen zeigen, dass Besch\u00e4ftigte vor allem aus dem Umland einpendeln, was in der CO2-Bilanz des Stadtteils nicht auftaucht. Urspr\u00fcnglich sollten hier genauso viele Menschen arbeiten wie wohnen. Dieser Sachverhalt d\u00fcrfte auch mit den relativ hohen Mieten und Kaufpreisen der Bahnstadt zusammenh\u00e4ngen und dem insbesondere anf\u00e4nglich geringen Anteil an gef\u00f6rdertem Wohnraum.<\/p>\n<p><strong>Zu sp\u00e4te und unzureichende \u00d6ffi-Erschlie\u00dfung<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskrepanz zwischen Wohn- und Arbeitsbev\u00f6lkerung, die ein Arbeiten \u201eums Eck\u201c nur f\u00fcr einen kleinen Anteil der Bahnst\u00e4dter erm\u00f6glicht, wird noch forciert durch die vergleichsweise sp\u00e4t<br \/>\nerfolgte Anbindung der Bahnstadt an den Nahverkehr. Die beiden Stra\u00dfenbahnlinien waren erst 2018 einsatzbereit \u2013 sechs Jahre nach dem Einzug der ersten BahnstadtbewohnerInnen.<\/p>\n<p>Dadurch wurde gleich zu Beginn ein Mobilit\u00e4tsverhalten gepr\u00e4gt \u2013 n\u00e4mlich die Nutzung eines eigenen Autos \u2013, das jetzt nur sehr m\u00fchevoll ver\u00e4ndert werden kann. Viele Ortschaften aus dem Umland, aus denen die Besch\u00e4ftigten der Bahnstadt einpendeln, sind au\u00dferdem noch immer nicht ausreichend an Bus und Bahn angeschlossen, weswegen auch die PendlerInnen noch h\u00e4ufig<br \/>\nAuto fahren. Damit entsteht nicht nur ein in der Planung unber\u00fccksichtigter CO2-Aussto\u00df, es wird auch mehr Fl\u00e4che f\u00fcr Parkpl\u00e4tze ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p><strong>Immer noch nicht Alltag<\/strong><\/p>\n<p>In der Bahnstadt leben aktuell etwa 5.000 Menschen. Ist sie einmal fertiggestellt, werden zirka 6.500 Menschen dort leben. Das sind ungef\u00e4hr vier Prozent der Heidelberger Bev\u00f6lkerung. Die Aufmerksamkeit, die die Bahnstadt in Heidelberg selbst, aber auch dar\u00fcber hinaus bekommt, bekommt sie vor allem als Modellprojekt. Ein Lerneffekt, das Modellprojekt zu testen um es dann als Heidelberger Standard zu verankern, hat sich seitens der Stadt bislang nicht ergeben.<\/p>\n<p>Zwar sind jetzt f\u00fcr die noch zu entwickelnden Stadtteile \u2013 ehemals von der amerikanischen Armee genutzte Konversionsfl\u00e4chen \u2013 wieder ambitionierte\u00a0 Energiestandards im Gespr\u00e4ch. Aber schon eine Festlegung auf den Passivhausstandard war f\u00fcr die beiden nach der Bahnstadt entwickelten Stadtteile Mark-Twain-Village und Hospital nicht in der Diskussion.<\/p>\n<p>Entsprechende konzeptionelle Festlegungen wurden von uns Gr\u00fcnen mit viel M\u00fche und Widerstand eingebracht und fanden nicht durchgehend Anwendung. Dass die Bahnstadt nicht zu mehr Innovation in Heidelberg gef\u00fchrt hat, ist schade. Tats\u00e4chlich sollte sie f\u00fcr andere Kommunen aber ein Beispiel sein \u2013 in guter wie in schlechter Hinsicht. F\u00fcr uns wird es weiter darauf ankommen, aus den Fehlern gut gemeinter Konzepte zu lernen. Dann wird es auch mit der Energie- und W\u00e4rmewende etwas.<\/p>\n<p><em>Dr. Monika Gonser ist Kreisvorsitzende der Gr\u00fcnen in Heidelberg. Sie ist au\u00dferdem Mitarbeiterin <\/em><em>im Bereich Interkulturelle Bildung an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Heidelberg.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel ist in der <a href=\"http:\/\/www.akp-redaktion.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fachzeitschrift f\u00fcr Alternative Kommunalpolitik (AKP) <\/a>6\/2019 &#8222;Energie- und W\u00e4rmewende&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/akp-redaktion.de\/2019\/619_gonser.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier gibt es den gesamten Artikel als PDF-Datei!<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heidelberg r\u00fchmt sich, der Standort einer der gr\u00f6\u00dften Passivhaussiedlungen der Welt zu sein. Dieses Bild offenbart bei genauerem Hinsehen jedoch einige Flecken auf der sch\u00f6nen Fassade. Ein Gastbeitrag von Dr. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":-1,"featured_media":19977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,8,11],"tags":[],"class_list":["post-19973","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-klimaschutz","category-stadt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19973"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19973\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.gruene-heidelberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}